Artikel mit den Tags "Pionier"

Heinz Hess und das Sekem-Projekt

Dienstag, 28. April 2009

Das Thema Bio-Baumwolle ist bei hessnatur nach wie vor ein Thema mit absoluter Priorität. So haben wir vor kurzem bei einem Mailing an unsere Kunden dieses Thema mal wieder aufgegriffen und unser Bio-Baumwoll-Projekt in Burkina Faso - unter dem Motto ökologisch angebaut und fair gehandelt - beschrieben.

In diesem Mailing haben wir geschrieben, dass Heinz Hess 1991 in Ägypten das erste Bio-Baumwollprojekt weltweit iniitiert hat. Von unseren aufmerksam lesenden KundInnen wurden wir sofort darauf angesprochen, dass doch Herr Dr. Ibrahim Abouleish Sekem gegründet habe. Das ist natürlich richtig und Herr Abouleish Senior hat Sekem bereits 1977 gegründet und dort nach Demeter-Richtlinien Heilkräuter und Gemüse angebaut.

Aber Heinz Hess war es, der den Anbau der Bio-Baumwolle initiiert hat. Wir wollten aber noch einmal richtig recherchieren, wie das damals gelaufen ist. Denn so richtig wusste das im Haus hier niemand mehr und wir kannten ja auch immer nur die Aussage von Heinz Hess. Das muss aber doch noch herauszufinden sein, oder? Wir haben daher direkt Kontakt zu dem Architekten, der unsere Versandgebäude geplant hat, aufgenommen und mit ihm gesprochen.

Herr Reindl, der mit seinem Unternehmen Portus Bau mehrere Gebäude in Sekem, z.B. die Wohnhäuser, gebaut hat, kannte bzw. kennt sowohl Heinz Hess als auch Herrn Dr. Ablouleish gut und er hat uns jetzt noch einmal die Geschichte mit dem Baumwollanbau in Sekem erzählt - und dies möchte ich Ihnen natürlich nicht vorenthalten.

Herr Reindl war im Zuge der Bauplanung im Jahr 1991 öfter bei hessnatur. In einem der Büros saß zu der Zeit ein ägyptischer Mitarbeiter und Herr Reindl wollte von Herrn Hess wissen, welche Aufgabe dieser Mitarbeiter hätte. Heinz Hess hat dann berichtet, dass hessnatur versucht, ägyptische Baumwolle zu importieren und dass dies die Aufgabe dieses Mitarbeiters sei. Ägypten exportierte damals aber nur fertig konfektionierte Ware und keine Rohbaumwolle und daher sei der Mitarbeiter nicht sehr erfolgreich. Heinz Hess war darüber natürlich nicht besonders glücklich und Herr Reindl hat ihm vorgeschlagen, Kontakt mit Sekem aufzunehmen.

In Sekem plante Herr Reindl zu der Zeit gerade die Wohnhäuser und er kannte die Familie Abouleish. Also stellte er den Kontakt zu Herrn Abouleish her. Heinz Hess brauchte 120 Tonnen Baumwolle für einen unserer damaligen Lieferanten in Dänemark. Herr Abouleish war einverstanden, es mit dem Anbau von Baumwolle zu versuchen, unter der Voraussetzung, dass nach Demeter-Richtlinien angebaut wird. Der Vertrag wurde abgeschlossen. Heinz Hess finanzierte den Anbau der Baumwolle mit ca. 60.000 Mark vor. Da die Erträge „trotz des kontrolliert biologischen Anbaus“ höher waren und die Baumwollblüten größer waren als beim konventionellen Anbau, waren die Bauern leicht zu überzeugen, bei diesem Projekt mitzumachen. Da die Demeter-Richtlinien auch den Anbau der Fruchtfolge vorschreiben, konnte auch das Problem mit dem hohen Wasserverbrauch beim Baumwollanbau gemindert werden. Das war der Startschuss für den Baumwollanbau in Sekem, der sich erfolgreich bis heute weiterentwickelt hat und von dem viele Textilanbieter nach wie vor profitieren.

Also ganz klar. Den Anstoß hat Heinz Hess gegeben. Seine Vision hat sich erfüllt. Dies wird ganz deutlich, wenn man die Entwicklung des Anbaus von Bio-Baumwolle und die Aktualität des Themas, u.a auch im Zusammenhang mit den Lohas, betrachtet. Aktueller denn je. Um noch mal auf das damalige Projekt zurückzukommen, Heinz Hess ist schon kurze Zeit später ausgestiegen und hat in der Türkei sein eigenes Baumwollanbau-Projekt aufgezogen. Er wollte wohl etwas „Eigenes“ entwickeln und mehr direkte Kontakte zu den Landwirten aufbauen.

Für dieses Engagement um den Bio-Anbau der Baumwolle wurde Heinz Hess 1996 mit dem Organic Textile Recognition Award bei der 2. internationalen IFOAM-Konferenz ausgezeichnet.

Wir folgen noch immer seinen Spuren!

Social Media – Ist Vertrauen besser als Kontrolle?

Donnerstag, 12. März 2009

Im Rahmen unseres Workshops zum Thema „Social Media“ wurden wir u.a. auch mit dem Statement „there is  an inverse relationship between control and trust“ konfrontiert.

Als Marketer mit langjähriger Versandhandels-Erfahrung musste ich mir die Aussage erst einmal auf der Zunge zergehen lassen - war unser Business bisher doch sehr stark von Kontrolle geprägt. So versenden wir Kataloge an ausgewählte Kunden, um keine Werbemark zu verschwenden, effizient auch im Sinne der Umweltbelastung zu handeln. Generell agiert man aber eher aus dem Unternehmen heraus und gibt Informationen/Angebote in den Markt, anstatt in den aktiven Dialog mit dem Verbraucher zu treten.

Wobei ich auch sagen muss, dass wir bei hessnatur den Dialog mit unseren Kunden schon immer sehr gern und intensiv geführt haben. Ich schätze es sehr, dass unsere Kunden auch sehr rege sind und selten ein Blatt vor den Mund nehmen, wenn es um Anregungen und Ihre Bedürfnisse geht. Es trägt sehr gut zur Verbesserung der Dienstleistung als auch natürlich zur eigenen Wahrnehmung bei. Aus diesem Grund wurden auch aktuell die Projekte Blog oder auch Produkttester ins Leben gerufen, um genau von diesem Wissensstand zu partizipieren und uns ständig zu verbessern.

Web 2.0“ oder auch „Social Media“ sind die aktuellen Schlagwörter. Die Kunden-Demokratie steigt und es findet ein umdenken statt. Aus forschen wird zuhören, man vermarktet indem man Gespräche führt, Kunden vernetzen sich, schließen Freundschaften und unterstützen sich.

Ich genieße es Tag für Tag die Kommentare in unserem Blog zu studieren und zu sehen, wie stark das Interesse sowie die Anteilnahme ist. Im Prinzip eigentlich ganz einfach… man steckt viel mehr Vertrauen in die Meinung der Menschen, welche einem schon seit Jahren oder auch nur seit Monaten begleiten. Sie sind überzeugt von uns und wie wir arbeiten! Warum sollten wir das ignorieren?

Ja, es ist wirklich eine Umkehr von Kontrolle zu Vertrauen, welcher wir uns gerne stellen. Wir schätzen den Dialog, werden uns weiter für die Bedürfnisse der Menschen öffnen, Meinungen akzeptieren, konstruktiv diskutieren und vor allem Vertrauen schenken. Schon ein komisches Gefühl, wenn man Gewohnheiten ablegt und sich neuen Dingen zuwendet.  :)

Schulkleidung - Pioniere aus Thüringen

Montag, 2. März 2009

In meinem ersten Beitrag über unser Engagement für eine verbindende Schulkleidung an deutschen Schulen habe ich versucht zu erklären, was hessnatur hier tut, warum wir es tun.

Nun möchte ich etwas konkreter werden und wie versprochen die erste Schule vorstellen, die sich schon Ende 2007 für eine gesunde und faire Schulkleidung entschieden hat: die Bergschule St.Elisabeth im Heilbad Heiligenstadt. Die christliche Schule aus dem Eichsfeld (wunderschönstes Thüringen!) hat uns von Anfang an tatkräftig unterstützt. Wir haben uns besucht und beraten, Optionen und Restriktionen zusammen getragen, Schüler- Workshops organisiert und abends mit dem schulischen Projektteam weiter diskutiert. Nur so konnte die aktuelle hessnatur Schulkleidungs-Kollektion aus 15 Artikeln in 8 verschiedenen Farben entstehen.

Ein großer Lacher war übrigens meine unbedachte Formulierung beim ersten Besuch in der Schule. Ich wollte meiner Begeisterung mal so richtig Nachdruck verleihen und lobte die Schüler und Lehrer als absolute “Pioniere” im Projekt. Diese Bezeichnung weckte allerdings eher großes Schmunzeln aufgrund eindeutiger Assoziationen mit Ernst Thälmann, anstatt meinen Enthusiasmus zu unterstreichen. Naja, verstanden haben wir und trotzdem von Anfang an…

Gerade im Vergleich mit anderen Schulen wurde mir hier auch zum ersten Mal klar, warum genau hier gesellschaftlicher Wandel Wirklichkeit werden kann, und warum man sich anderenorts manchmal schwer tut: Wo Lehrer und Eltern eng und offen zusammen arbeiten, wo Schüler von Beginn an mit eingebunden werden, da hat die Vision einer gemeinschaftlichen Kleidung den richtigen Nährboden. In Schulen dagegen, die ausschließlich auf die Unterstützung und das Tun von hessnatur warten, gerät die Entwicklung und Überzeugungsarbeit immer wieder ins Stocken.

Noch immer meldet sich die Projektleiterin Ulrike Plath regelmäßig bei uns und berichtet uns über neue Entwicklungen und Ideen zur Schulkleidung – eine wertvolle Verbindung, um gemeinsam zu wachsen und zu lernen! Auf der Homepage der Schule finden Interessierte auch Erfahrungsberichte, die einen lebendigen Einblick in Sachen Schulkleidung geben.

Und so ganz nebenbei hat die “Europaschule” & “Schule ohne Rassismus” gerade die vierte Zertifizierung erreicht: Das anspruchsvolle Qualitätszertifikat EFQM. Herzlichen Glückwunsch! hessnatur ist wirklich stolz, mit solchen vorbildlichen Schulgemeinschaften zusammen zu arbeiten.

Demnächst noch mehr über unsere tollen Schulen: Die Bugenhagenschulen Hamburg, die Schrenzerschule Butzbach, Die IGS Kandel, die Wilhelm-Raabe-Schule Hannover, die Freie Waldorfschule Buxtehude, und viele mehr!

Blutjeans, nein Danke! Teil II

Dienstag, 17. Februar 2009

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Wie werden ökologische Jeans hergestellt? Wie kommt der Wash-out-Effekt zustande?

Diese und weitere Fragen diskutiere ich im Interview mit Rolf Heimann, Leiter des Bereichs Innovation & Ökologie bei hessnatur.

Wer die Vorgeschichte aus unserem ersten Teil “Blutjeans, nein Danke” lesen möchte, findet hier den Beitrag.

Individualität kontra Gemeinschaftsbildung

Montag, 19. Januar 2009

„Wo ist denn bloß mein St.Pauli-Sweatshirt?“, ruft meine 14-jährige Tochter genervt aus ihrem Zimmer. Montag morgen, 6.30 Uhr, und sie findet mal wieder nichts zum Anziehen.

Die Zeit ist schon lange vorbei, in der ich ihr am Abend vorher noch die Klamotten für den nächsten Tag rauslegen konnte – und sie diese unkommentiert angezogen hat. Nein, heute läuft da ein ganz anderer Film ab: Wie präsentiere ich mich in meiner „Gang“? Sind meine Turnschuhe überhaupt noch cool genug? Und passt das T-Shirt von unserer letzten Shopping-Tour überhaupt zur blauen xy-Jeans?

An diesen oder anderen Fragen dürften zahllose Familiendiskussionen am und vor dem Frühstück entbrennen.  Das Leidige an dem Thema aber ist für uns „außenstehende“ Mütter: Je nachdem, wie der erste Moment mit den Freundinnen und Klassenkameraden am Morgen verläuft, so verläuft dann der restliche Tag. Die hormonelle Umstellung der pubertären 14-jährigen tut ihr Übriges zu den Stimmungsschwankungen, denen sie besonders durch das Bedürfnis nach äußerer Wirkung stark unterlegen sind.

Sich selbst wahrnehmen und definieren, sich abgrenzen und gleichzeitig dazugehören, das sind die Spannungsfelder, in denen die Jugendlichen stehen. Gefüttert und genährt wird dieses Selbsterleben durch die Medien. „Germany´s next Top Model”, Soaps und Co. suggerieren, dass jeder und jede populär werden kann. Da wird vor dem Spiegel geübt, es wird nachgeahmt, kopiert und nach Idolen Ausschau gehalten. Das eigene Ich, die eigene Persönlichkeit wird gar nicht wertgeschätzt, sondern an von außen vorgegebenen Maßstäben gemessen.
Für mich als Mutter ist Schulkleidung da wirklich eine Lösung. Die Kids werden durch die gemeinsame Kleidung befreit vom Diktat der Mode- und Medienwelt, denn die Schulgemeinschaft beschließt, was getragen werden soll. Und das ist gar nicht mehr so unbequem und Uniformen ähnlich wie man das von früher kennt. In modernen, bequemen, ökologisch und sozial fair hergestellten Sweatshirts und T-Shirts kann sich jede/r Jugendliche wohl fühlen. Mit gutem Gewissen und gut zur Haut. Es ist sicher nicht einfach, Jugendliche davon zu überzeugen, dass es eine Erleichterung sein kann, sich morgens keine Gedanken machen zu müssen, was sie anziehen. Und die Themen in der Gruppe werden sich auch wandeln.

Es geht nicht mehr um neueste Modefarben oder den letzten Schrei aus der letzten TV-Serie, den sie jetzt selbst am Körper tragen. Persönlichkeit und Eigenständigkeit können so wieder an Wert gewinnen, die Pausengespräche erhalten eine andere Qualität. Schulen, die damit schon Erfahrungen gesammelt haben, erkannten, dass der Zusammenhalt größer, die Ausgrenzung Einzelner geringer wurde. Für die Entwicklung zu einem verantwortungsbewussten jungen Erwachsenen ist das sicher ein wichtiger Schritt. So kommt – aus der Nähe betrachtet – die Individualität trotz oder durch die Gemeinschaftsbildung nicht zu kurz. Im Gegenteil.

In einem Elternabend im Herbst, in der 9. Klasse Realschule, entbrannte dann also die Diskussion über genau dieses Thema.  Die Schule meiner Tochter hat tatsächlich vor, die Schulkleidung von hessnatur auf freiwilliger Basis einzuführen und sammelte über die Elternabende jetzt Stimmen dazu.

Sehr kontrovers und Zeit einnehmend befanden Mütter und wenige Väter es als sehr schwierig, ihren Sprösslingen solche Auflagen zu machen. Das wäre was für die Grundschulen, da könne man so was machen. Ich lag also gar nicht so richtig mit meiner Euphorie für die gesunde Einheitskleidung. Schade, dachte ich bei mir, aber ein Gutes hatte es doch: Wenn wir Eltern den halben Elternabend hitzig über gemeinsame oder individuelle Kleidung und deren Auswirkung sprechen konnten, dann fanden diese Gespräche und Gedankengänge in irgendeiner Weise auch bei den Jugendlichen statt.

Und das ist meine Hoffnung für diese gute Sache: Allein schon der Impuls, sich über das äußere Erscheinungsbild – Individualität oder Gemeinschaft –   Gedanken zu machen und andere Meinungen der Freunde und Kameraden zu hören, wird auf jeden Fall etwas in Bewegung setzen. Und dass es gesunde Kleidung gibt, dürfte so auch dem einen oder anderen, der darauf noch keinen Wert gelegt hat, jetzt ein Begriff geworden sein.